Samstag, 31. Oktober 2015

Herausgelesen - ein stürmischer Releasetag



Autoren sind - das sollte ich zumindest in meinem Umfeld herumgesprochen haben - seltsame Pflänzchen. Von aufrechtem Wuchs mit schützenden Stacheln am Stil und einem lieblichem Duft von Tinte und Druckerschwärze, der Leser locken soll. Und doch sind wir innen hohl, zerfressen von Zweifeln und Sorgen, was vielleicht so sein muss, um Platz für die Geschichten zu haben, die sich dort einnisten wie in einem Kokon, um dann schmetterlingsgleich von uns in die Welt entlassen zu werden. So war es auch bei Herausgelesen, meinen neuen Werk, mit dem ich einmal eine Geschichte ganz gezielt für all die Viel-, Gern- und Allesleser schreiben wollte, die so wie ich Bücher leben und Worte atmen. Das lag und liegt mir wirklich sehr am Herzen!

Am Releasetag ist das alles noch viel seltsamer. 


Speziell wenn vom Start weg alles schief geht. Ich neige nicht zu Weltverschwörungstheorien und Verfolgungswahn, aber heute bin ich mir nicht mehr so sicher.

Da müssen letzte Anpassungen gemacht, die Auslieferung geplant und gesteuert werden. Man bastelt an der Werbung, an Promoposts, bucht Profis und hofft. Letzteres vor allem. Denn all die Monate, die man an dem Buch gesessen hat, über Szenen brütend, mit Dialogen ringend, Freunde, Familie und sogar den Hund (der das besonders übel nimmt) vernachlässigend, stehen heute auf dem Prüfstand. Heute, wenn das Buch in die Öffentlichkeit tritt und bemerkt werden muss. Ich habe mal mitgeschrieben, um zu sehen, wie viel Arbeit wirklich in einem Buch steckt.

Wobei "Herausgelesen", das ich schnell runterschreiben konnte, weil die Geschichte meine Protagonisten (für mich) ungewöhnlich klar vorgestellt haben, jetzt wirklich eine problemlose Geburt war. Das Skript von ca. 320 Normseiten habe ich zwischen dem 3. September und dem 15. Oktober geschrieben. Dafür habe ich wirklich jede freie Sekunde in das Buch gesteckt und täglich bis auf die Buchmessetage mindestens 4 Stunden geschrieben, das sind, wenn ich mich ausnahmsweise mal nicht verrechnet habe ungefähr 170 Stunden.
Daneben habe ich mit meinem Coverdesigner, Paul Dahl von D-Design ums Cover gerungen, nach Mustern gesucht, um zu verdeutlichen, was ich meine, gelernt und mich belehren lassen. Der Autor ist nicht notwendig die Idealbesetzung, wenn es um die Auswahl des Covers geht.
Mit meinen Betalesern, den Plot in abendfüllenden Chats nachgefeilt und Szenen gebastelt, das in diesem Fall fachbuchverdächtige Literaturverzeichnis gepflegt und schließlich das Korrektorat/Lektorat mit Madeline Riedel durchgezoogen. Und natürlich meine Autorenfreunde in den Wahnsinn getrieben (Danke an Mella und Gundel für die psychosoziale Betreuung). Unmengen von Kaffee und Karamellkeksen und griechischen Jogurt wurden verzehrt und zur Sicherheit zusätzlich 200g Kräutertee verbrüht (den mag im Noa'schen Haushalt sonst niemand, darum kann ich hier so präzise sein). Ich habe gelernt, dass man mit 3 Stunden Schlaf gut auskommt, aber die Pandabär-Augenringe mit normalen Concealer nicht mehr zu retuschieren sind. Ich empfehle Acrylfarben.

Und dann ist es soweit - man drückt auf "Veröffentlichen" und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Es ist am Releasetag wie am Nachthimmel. 

Da blinken und funkeln schon so unendlich viele Sternchen, dass es für ein weiteres sehr schwer ist, bemerkt zu werden. Meine liebe Kollegin Mella Dumont macht es geschickt und schreibt von Monden, die kann man faktisch nicht übersehen, aber für normale Sterne ist es knifflig. Also muss man auf einen kometengleichen Aufstieg setzen. Nur dann hat man eine Chance von all den Lesern da draußen bemerkt zu werden, die das Buch mögen könnten. Es ist die Bewegung, die den neuen Stern sichtbar macht. Man kann natürlich trommeln und tröten, doch wie weit reicht Schall in unserer Welt, in der wir alle immer lauter schreien? Nur wenn der Ruf aufgenommen wird und einen Chor findet, kann er was erreichen und darum danke ich allen Menschen, meinen Freunden und Kollegen und Kollegenfreunden, die ihren Freunden gesagt haben, dass mein "Herausgelesen" sich dem Kampf in den Tiefen Amazons stellt und Hilfe braucht. Oder Leser. Oder Freunde. Was irgendwie dasselbe ist.

Dann das Drama!

Was mich dann doch zu paranoiden Verschwörungstheorien bringt. Aus von dem Online-Shop-Giganten nicht kommentierten Gründen wurde das Buch falsch eingeordnet, nämlich unter Jugendbuch (was vielleicht noch geht) und dann unter Kinderbuch (was sicherlich weder vom Thema, noch von den Szenen, noch von sonstwas passend ist). Eine Korrektur war mir selbst nicht möglich, ich hatte es ja richtig eingestellt. Dafür stand dann in großen Lettern hinter dem Titel "English Edition" - etwas, das nachweislich viele Interessenten abgeschreckt hat. Über Click-Tracking sieht man ja, wer auf den Link klickt und über die Auswertung, wer dann kauft. Das war übel. Normalerweise springen etwa 10% wieder ab. Dieses Mal waren es über 50%! Und auch der Preis war nicht richtig angegeben. Ich hätte wie üblich zum Release gern die 99 Cent genommen.

Meine Hilferufe in Deutschland brachten nichts, der Support meinte lapidar, ich solle es einfach runternehmen und dann neu hochladen, dann sei in 48h alles in Ordnung. Super, wenn man überall den Release angekündigt und kostenpflichtig beworben hat. Erst bedingt durch die Zeitverschiebung deutlich spätere Anrufe in USA führten zu halbherzigen und semi-nützlichen Ergebnissen. Der Tag war ja im Prinzip schon rum.

Auch die von mir frühzeitig und exakt abgesprochene teuer gebuchte Werbung wurde nicht püntklich und nicht im vereinbarten Mercedes, sondern nur viel später und da nur im Skoda geliefert, Mahnungen verhallten ungehört im Äther. Ich solle mich nicht aufregen.
Doch. Ich rege mich auf.


Und die Moral?


Insgesamt ist mein Bücher-Stern also nicht am Himmel hochgestiegen, sondern solcherart beschwert, kaum über die Bergkuppen hinausgekommen. Außer auf den Piratenseiten, da wurde (jedenfalls auf zweien) heute bereits "Herausgelesen" als Aufsteiger des Tages gehypt. Am Tag nach dem Releasetag. Super. Am Buch lag es also nicht.

Andererseits kann man sich auf einem solchen Felsen sitzend, gut ausruhen und mal in die Runde schauend nachdenken.
Was lerne ich daraus?
  • Dass Halloween endgültig in unserer Welt angekommen ist, denn tatsächlich gehen alle Aktionen, die ich für mein Buch geplant hatte, vollkommen in kürbisbunter Hektik unter. Wobei die Kürbisse weniger stören, als die vielen Buchaktionen und Buchgewinnspiele, die zumindest Facebook und Twitter überschwemmen und natürlich die dringend benötigte Sichtbarkeit einschränken.
  • Dass offenbar die Begeisterung auf den Social Media Kanälen für ein Buch nicht in Kauflust mündet. Mein überschlägiges Verhältnis zwischen Kommentar und Kauf beträgt einstellige Prozente, das ist ernüchternd.
  • Dass offenbar ein Buch für 2,99 € vom Großteil nicht gekauft wird. Ein Cent/Seite ist zuviel? Denn bei 99Cent erziele ich mit meinen weniger gehypten Titeln deutlich bessere Verkäufe - vom Erfolg auf Downloadseiten zu schweigen. Wobei ich betonen möchte - dass Buch in der On-Leihe legal kostenlos zu haben wäre (und ich dort auch Geld bekäme, das mir den oben geschilderten Aufwand erlaubt). 
  • Dass offenbar weit weniger Menschen die Leseprobe anklicken, als gemeinhin angenommen, denn daraus würde sich ja ergeben, dass es keine englische Ausgabe ist (oder jedenfalls eine sehr eingedeutschte). 
  • Dass die Kategorien auf Amazon sehr relevant sind, was deren Unübsichtlichkeit umso ärgerlicher macht (allein, dass es so viele gibt, die nur über den Support gewählt werden können). 
  • Dass es wenig bringt, was man selbst über sich sagt, man muss erreichen, dass es andere tun. Und zwar solche mit Verteiler. Das ist jetzt nicht neu, steht in jedem Social Media Handbuch (wobei Social Media wohl keineswegs versehentlich mit SM abgekürzt werden kann). In diesem Ausmaß habe ich das allerdings nicht erwartet. Wahnsinn.
Ich könnte jetzt aufgeben. Die Versuchung ist groß. Meine Freunde würden sich freuen. Meine Familie, die sich nicht so wirklich für meine Bücher interessiert, auch. Mein Herz und meine Seele schreien laut nein.
Also werde ich wohl versuchen, mich von meinen Dienstleistern unabhängiger zu machen und meine Leser direkt zu erreichen. Ich hatte nicht zuletzt aufgrund der im Kollegenkreis geäußerten Bedenken gezweifelt. Zu groß, zu ambitioniert, zu mutig? Oder größenwahnsinnig? Man wird sehen.

Genug gejammert. Aber hey, Zuspruch kann ich zurzeit gut brauchen. Ehrlich.