Donnerstag, 29. Oktober 2015

Literarisches Fandom und andere Abstrusitäten

Autoren sind ein schizophrenes Volk. 

Wenn wir bevorzugt nachts in unseren Kämmerlein sitzen und mit Herzblut und zu viel Kaffee unsere Geschichten niederschreiben, dann entsteht schnell das keineswegs unberechtigte Bild vom semiautistischen Autor, der inmitten seiner fiktiven Freunde sitzt und dem Fans (wie alle anderen Mitmenschen) eigentlich suspekt sind. Nur für Katzen macht man Ausnahmen. Aber das ist leicht, wann jemals hat man eine euphorisch ihren Herrn bejubelnde Katze gesehen?

Dabei träumen wir natürlich von einem Meer von Fans, die unsere gerade mit solchen Mühen erschaffenen Babys mit offenen Armen aufnehmen und ihnen ein Zuhause bieten, in ihren Bücherregalen, auf ihren Readern und vor allem in ihren Herzen.
Sie sind Freunde, die alles für meine Figuren liegen und stehen lassen, die sich und die Welt vergessen, um bei ihnen zu sein, um mit ihnen mitzufiebern und die fiktiven Emotionen meiner Figuren "echt" werden lassen. Das ist
SELTSAM.

Die Freunde meiner Figuren sind meine Freunde. 

Bei mir ist es jedenfalls so. Ich bin an sich nicht gerade introvertiert, und wenn jemand sagt, dass er meine Geschichten mag, mit meinen Protas mitfiebert und meine Bücher in Ehren hält - ganz ehrlich, dann kann ich schon über kleinere Charaktermängel wie Massenmord und Steuerhinterziehung hinwegsehend, all meine Sympathien über ihm ausschütten.
Ich habe das auf einer Buchmesse erstaunt bemerkt, als ich einen Menschen traf, den ich so auf der menschlichen Ebene ganz und gar schrecklich fand. Als der Schreckmensch erfuhr, wer ich bin und von meinen Büchern schwärmte ... da schmolzen meine Vorbehalte entgegen besseren Wissens und ich war sofort bereit, ihn sympathisch zu finden. Das ist
ERSCHRECKEND.

Was tut der Autor?

Misstrauisch werde ich hingegen, wenn ich persönlich für meine Geschichten verehrt werde. Vielleicht, weil ich ja viel mehr als Autor auch Leser bin. Also emotional auf der anderen Seite des Buchs verwurzelt. Ich will unter Lesern sein und nicht "vor" oder "über" ihnen. Das steht mir nicht zu. Denn die Bewunderung gilt nicht mir, sondern der Geschichte, die ich erzähle... So gesehen, also irgendwie schon, klar. Aber nein, eigentlich nicht. Die Beziehung ist - um in Facebook-Terms zu sprechen - kompliziert.
Ich fühle mich da wie ein Katalysator, durch den die Geschichten einen Weg in diese Welt finden, den sie sehr energisch und ohne Rücksicht auf das Befinden des Autors suchen.
Es sind insofern nicht unbedingt "meine" Geschichten, also im Innenverhältnis zwischen mir und meinen Geschichten. So wenig, wie mein Kind mir wirklich gehört, oder mein Mann mein Eigentum ist. Andererseits gehören sie nach den Standards dieser Welt noch am Ehesten mir. Ich muss vom Geschichten erzählen leben, weil mein Supermarkt, mein Vermieter und meine Versicherung geldgierige Kapitalisten sind, die ich nicht erfreuen kann, wenn ich ihnen mit meinen Geschichten glückliche Stunden schenke. So dumm sind die. In meiner Fantasiewelt sieht es anders aus. Da sind die Plots und Figuren emanzipiert und verteidigen vehement ihre Rechte an der Geschichte. 
Autoren sind in mehrfacher Hinsicht käuflich. Und wenn man so sieht, was wir für unsere Bücher so verlangen, dann sind wir sogar richtig
BILLIG.

Es werden nie 2 Menschen dieselbe Geschichte lesen. 

Deshalb mag ich auch Leserunden, speziell die kleinen, persönlichen ... wenn man gemensam in die Geschichten eintaucht. Und plötzlich allerlei neues über seine Figuren erfährt. Da werden Dinge rausgelesen, die ich so niemals reingeschrieben habe. Da bekommen schlichte Sätze völlig neue Facetten und wenn man darüber spricht, erzählen mir plötzlich die Leser meine Geschichten und ich staune. Wie vielschichtig daas sein kann, was ich empfinde. Wie anders, wie neu. Es ist ein bisschen so wie die Erkenntnis, dass das eigene Kind eben doch nicht ein Abbild seiner selbst, sondern eine hochindividuelle Persönlichkeit ist.
TOLL.

Wie gut eine Geschichte ist, erkennt man erst an dem Echo, das sie wirft. 


Auf der dunklen Seite der Macht - dort, wo Fantasie in ihrer regenbogenbunten Quirligkeit nur höchst misstrauisch geduldet wird, wo ich mir als Anwalt den Anstrich der Seriosität gebe, lernt man, dass auf den Empfängerhorizont abzustellen ist. das klingt sehr dröge und äußerst theoretisch. Aber es ist schlau und wenn man darüber nachdenkt, stellt man erstaunt fest, dass sich dahinter eine lange Erfahrung verbirgt. Ich als Autor weiß, was ich erzählen will. Okay, meistens nur so ungefähr, weil da viele spontane Einfälle nach Berücksichtigung verlangen, bockige Figuren sich wohl ausgetüfeltten Plots widersetzen und überhaupt das Schreiben furchtbar schwierig ist. Ich jedenfalls finde meine Schreibstube so attraktiv wie einen Kreissaal, auch wenn ich meine Geschichten dann so liebe, wie eine Mutter ihre ohne PDA zur Welt gebrachte Zangengeburt.
Aber was ich sagen will, ist, dass ich weiß, was ich ausdrücken will, aber nicht weiß, ob ich den "Film" in meinem Kopf über meine in abstrakte Buchstabenkombinationen gepressten Geschichten an die Leinwand in den Kopf meiner Leser spiegeln kann. Jeder Mensch ist anders, denn die Summe seiner Erfahrungen ist in Auswahl, Intensität und Reihenfolge absolut einzigartig. Und sie sind die Wand, an die ich meine Geschichte werfe. Wenn ich Euch von Onkalalas erzähle, die auf ihren schnellen Khoryseden nächtens im fahlen Licht von Mandaras Schale über die unter trügerischem Sand begrabenen Pässe des Toruschawalls jagen ... dann habt Ihr keine Ahnung, was vor meinem inneren Auge abläuft. Und obwohl ihr eigentlich keine Ahnung habt, haben könnt !, wovon ich spreche, habt ihr euer Filmchen im Hinterkopf.
Denn Euer Kopf wird in der Registratur eurer Erfahrungen kramen und in Ermangelung eines Bildes zu "Onkalala" nach etwas phonetisch vergleichbarem oder sonst wie assoziationsfähigem suchen. Ein Indianerstamm vielleicht, der durch Herrn Cooper und Herrn May literarische Unsterblichkeit erhielt, die durch Hollywood noch zusätzlich konserviert wurde. Durch den Hinweis, dass man auf "Khoryseden", die noch dazu "schnell" sind, "jagt", und zwar über "Sand-Pässe", entsteht ein Bild von etwas Dynamischen. Windschnittigen.Das Wüstenflair holt bei vielen arglosen Testpersonen Kamele und Pferde hervor, bei meinen engeren Freunden, die mich besser kennen und nicht geflohen sind, weil sie genauso abartig sind, vielleicht auch überdimensionale Geparden oder auch geländegängige Pelzkrokodile (aber das ist eine andere Geschichte, die nur hart gesottene RPGler verstehen dürften). Vielleicht mit großen Augen, weil das "fahle Licht", das nächtens unsere Szene beleuchtet, muss ja - ungeachtet der seltsamen Bezeichnung - sowas wie Mondlicht sein. Und obwohl eigentlich kein Wort bekannt war, haben wir doch so ein ungefähr gemeinsames Bild.
KRASS.

Es sind die Leser, die Bücher lebendig werden lassen. 


Man sagt, wo Licht ist, ist auch Schatten. Das ist bei genauerer Betrachtung Blödsinn. Licht kommt ganz wunderbar ohne Schatten aus. Ebenso wie die Dunkelheit als ultimativer Schatten, Licht allenfalls als negativen Abgrenzungsposten braucht. Aber - und da wird es interessant - wenn da etwas ist ... (egal, wer oder was) ... dann entstehen Schatten.
Was labert sie da, wird sich der eine oder andere fragen. Aber das gehört wirklich zum Thema.
Meine Geschichten sind Licht auf der Suche nach einem Schatten, den sie werfen könnten. Ich trage sie in diese Welt, leuchte sie hinein... aber erst wenn sie Schatten werfen, können sie bemerkt, gefühlt und wahrgenommen werden.
Und deshalb bin ich umgekehrt ein großer Fan meiner Leser. Nicht, weil sie umgekehrt Fans von Autoren sind. Nein, Leser sind viel mehr als Fans. Erst sie sind es, die den Geschichten, denen ich auf dem Papier eine Chance gebe, wirklich Leben einhauchen.
Und dafür danke ich Ihnen. Jedem einzelnen von Ihnen. Ich möchte jedem Menschen umarmen und danken, der das wertvollste Gut, das wir auf diesem Planeten besitzen, einsetzt, um Geschichten wirken zu lassen:
ZEIT.





Eine schrullige Liebeserklärung

Deshalb habe ich "Herausgelesen" so geschrieben, wie ich es geschrieben habe. Aus der Sicht eines Booknerds, gespickt mit Anspielungen auf literarische Freunde, die mir viel bedeuten. Als Liebeserklärung an alle Leser, die in Bücher eintauchen und mit einem Seufzen die dort gefundenen Emotionen auf ihrem Weg zurück mitbringen und so diese Welt ein kleines bisschen bunter, gefühlvoller, vielleicht schlauer und gereifter machen.


Bücher sind Orte, wo man hinkann, wenn man nicht wegkann. Sie sind die Heimat für all jene, denen ein Leben nicht reicht und die auf "Was wäre wenn" wirklich eine Antwort wollen.
Das sind meine Seelenbrüder. Und ich brauche jeden einzelnen von ihnen.

Sänger singen diese Lieder ... die ihr Leben begleiten. Leser leben diese Geschichten. Und meine habe ich "herausgelesen".

Mehr über das Buch, dessen Erwerb nicht nur mich, sondern auch Euch sehr bereichern würden, gibt es hier.