Sonntag, 15. November 2015

Und nun? Was tun?


 


Gestern habe ich mal früher Schluss gemacht. Ich gebe zu, dass mich der Freitag von Paris geschafft hat. Nicht so sehr, weil es schrecklich ist, was da geschehen ist - das ist es in Aleppo, Beirut und Bagdad auch. Und es ist auch schon bei uns geschehen, in London, in Madrid ... Ich war einfach müde, immer dieselben dummen Argumente von beiden Seiten zu hören. Dieses emotional aufgeplusterte Aufeinanderprallen von Sorgen und Ängsten unterschiedlicher Positionen und auf allen Seiten die immer selben Vokabeln "Braune Soße", "Nazi", "Gutmensch", "Heuchler" und - darin waren sich alle einig - "Depp!"

Wir werden alle sterben.

Das ist sicher. Da muss man sich gar nicht fürchten, das kommt so, also entspannt euch und lebt wenigstens davor.
Vielleicht sehe ich das etwas gelassener, weil ich mich durch meine Krebserkrankung schon ein erhebliches Stück näher an die Null-Linie herangewagt habe, als das so der Normalmensch tut.

Und darum verstehe ich einfach nicht, was jetzt gerade in den sozialen Netzwerken, auf Facebook und Twitter abgeht. Hallo?! Haben die Bomben vor dem Fußballstadion ein paar Menschen (vielen) die Ohren so beschädigt, dass es jetzt an Gleichgewicht fehlt?

Das Thema hat nichts mit Paris zu tun. Nichts mit der IS und auch nichts mit Pegida. Unsere Gesellschaft ist im Umbruch und wir müssen uns bewegen. Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise geht, aber es steht außer Frage, dass unsere Welt in 10 Jahren deutlich anders aussehen wird als heute und sich in einem Ausmaß verändert haben wird, dass deutlich über die Veränderungen der letzten 10 Jahre (die mit dem Internet und dem Mobiltelefon auch durchaus revolutionär waren) hinausgeht. Was wollen wir für die Reise in unseren mentalen Koffer packen? Und was werfen wir über Bord, wenn wir fürchten, die Kräfte reichen nicht, um alles ins Ziel zu schleppen?

Dazu müssen wir uns fragen, was es ist, das dass Leben lebenswert machen. Ich habe jetzt eine Stunde lang versucht, dieses unendlich komplexe Thema im Rahmen eines Blogartikels zu durchdringen und mit Begriffen wie Freiheit, Solidarität, Respekt, Toleranz, Glück jongliert und festgestellt, dass es einen Grund hat, warum Philosophiebücher tendenziell übergewichtig sind.

Weil mir das wichtig ist, werde ich mich damit hier auf dem Blog im Rahmen meiner Nachtgedanken mit einzelnen Begriffen auseinandersetzen. Hier, falls es jemanden interessiert und man dann auch diskutieren kann, was ich schön fände.

Ich lebe jeden Tag mit dem mir schon öfter als größenwahnsinnig vorgeworfenen Anspruch, die Welt zu einem besserem Platz zu machen. Ich gehe damit nicht direkt hausieren, ich mach das einfach.
Ich hebe Müll auf, den ich beim Gassigehen im Wald von anderen Naturliebhabern vorfinde.
Und nehme im Spätherbst Seize-Zero-Igel auf und bringe sie durch den Winter.
Ich stehe in der U-Bahn auf, wenn wer mit Krücken reinkommt und helfe, obwohl ich in Eile bin, einen Kinderwagen über Treppen zu wuchten. Ich versuche in meiner Welt schöne Dinge zu tun, die Menschen Spaß machen, und ich versuche, dabei möglichst viele Menschen teilhaben zu lassen. Wenn sie wollen. Wenn nicht, dann nicht.
Darum schreibe ich auch lieber Bücher, die optimistisch sind. Weil ich es schön finde, wenn mir Menschen sagen, dass sie nach der Lektüre besser gelaunt sind.
Und wenn auf Facebook mal wieder die Meinungen hochkochen, versuche ich im allgemeinen recht erfolgreich, das Gas rauszudrehen und der Vernunft, die sich zumeist verängstigt in den Spamordner verkrochen hat, eine Stimme zu geben.
Ich lobe gern und oft. Weil es nichts kostet und den anderen freut. Auch so eine Schrulle von mir.
Das ist nicht viel und oft bin ich deprimiert, weil es so wenig ist. Aber es ist immerhin mehr als nichts.
Warum erzähle ich das jetzt?
Weil sich so viele fragen, was sie tun können.
Um zu zeigen, wo man anfangen kann.

Und was hat das mit Paris zu tun?
Nein, ich glaube nicht, dass das den IS beeindruckt, wenn ich Kinderwägen schleppe und Igel entwurme. Aber das gilt auch für bunte Profilbilder und stille Gebete.

Tun ist ein Tätigkeitswort.


Ich habe nichts gegen die Modetrends bei den Profilbildern. Ich begrüße es, wenn es ein Aufbruchssignal ist, ein Statement, dass man zu denen gehört, die etwas tun wollen. Es ist, als würde man als Helfer für den Umzug in eine bessere Welt schon mal die Handschuhe bereit legen. Wenn man dann aber meint, das sei es gewesen, der wird sich enttäuscht in den Trümmern der alten Welt wiederfinden. Man muss dann schon auch anpacken. Nicht nur jetzt. Nicht nur zwei Wochen lang, als die ersten Flüchtlinge ankamen, sondern immer. Täglich. Nur dann geht es. Unser Planet hat so viele Probleme, da ist für jeden was dabei, bei dem er sich mit der Lösung einbringen kann.

Es bringt nichts, jetzt aufzuzählen, was man tun soll. Es bringt nichts, zu diskutieren, ob Veganer oder Fahrradfahrer für die Umwelt wertvollere Dienste leisten und ob man lieber für Kinder oder für Obdachlose spenden soll. Was man tun muss, um Flüchtlingen zu helfen.

Möglichkeiten gibt es viele, meine wie immer auch in dieser Lage saucoole Kollegin Catalina Cudd hat sich da ganz ähnliche Gedanken gemacht und gebloggt, falls wer Inspirationen sucht.

Unsere Welt ist unendlich bunt und vielfältig. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Und wenn wir jetzt empört sind, weil der IS und genügend andere keineswegs nettere Organisationen das gefährden, dann dürfen wir nicht ins selbe Horn stoßen, um unsere individuelle Version von Glück, von Gut und Richtig, den dummen Andersdenkenden aufzuzwingen.

Entscheidungsfreiheit beinhaltet das Recht auf Unvernunft.


Auch wenn es schwer fällt. Und auch wenn Gleichgültigkeit die bequemste Form der Toleranz ist, genügt sie nicht. Manchmal muss man sich einfach auf die Finger setzen und eine noch so dämliche Meinung in der Timeline aushalten. Manchmal muss man ihr argumentativ mit sachlichen Argumenten entgegentreten. Vielleicht nicht, um den Meinungsinhaber zu bekehren, sondern um den stummen Mitlesern auch die Gegenposition vorzustellen. Aber wir dürfen nicht verbal in den Krieg ziehen und andere Meinungen niederbrüllen, mit unsachlichen Totschlagargumenten und Beleidigungen ihre Freiheit beschneiden. Autoren lernen früh: Show, don't tell.

Ein verschiedenen Urhebern unterstellter Spruch lautet: "Monsieur, ich finde ihre Meinung unerträglich, aber ich werde ich Ihr Recht, sie zu äußern, mit meinem Leben verteidigen."
Tja. So läuft das.

Zur Meinungsfreiheit gehört auch die Informationsfreiheit und daher ist es sehr bedenklich, wenn man anfängt, seine Freundesliste auszumisten und sich deren Sorgen, Ängsten und auch Hass zu verschließen. Damit beeinflusst man nur seine Wahrnehmung, nicht aber die Wahrheit. Das ist - wie mit der political correctness im Allgemeinen auch - als würde man auf eine schwärende Wunde, ein Pflaster kleben, damit man den ekligen Eiter nicht mehr sieht. Hilft auf lange Sicht nichts. Im Gegenteil. Also

Facebook macht mich heute morgen traurig.

Tut doch einfach, was ihr könnt. Was ihr schafft. Was ihr wollt. Redet nicht. Tut es einfach. Wenn jeder täte, was er ohne größere Opfer könnte, dann wären wir schon einen Quantensprung weiter. Wenn wir die Energien bündeln würden, die wir auf Facebook damit verschwenden, uns über den besten verschiedener richtiger Ansätze zu zoffen, und statt dessen etwas tun würden ... Ich mag gar nicht daran denken.
Jeder Beitrag zählt. Wenn nicht irgendwann eine kleine Schneeflocke einmal angefangen hätte, hätte es noch nie eine Lawine gegeben. Ich setze auf das langsame Erreichen einer kritischen Masse.

Wenn wir hier in den Tagen nach Paris dem IS trotzig unsere Werte als unantastbar und nicht verhandelbar verkaufen - dann lebt sie gefälligst! Geht respektvoll miteinander um und lasst andere Meinungen zu. Ignoriert sie nicht nur, sondern gesteht ihnen dieselbe Berechtigung wie der Euren zu. Tauscht Argumente aus und überzeugt. Lebt, liebt und lacht - worüber auch immer.

Aber bitte verlangt jetzt nicht neue Regeln, stellt keine Verbote auf, beschneidet nicht freiwillig das, was uns die Terrordioten nehmen wollen. Unsere Freiheit. Die verlieren wir nämlich auch, wenn wir den IS durch unsere eigenen Wächter ersetzen. Und das ist die größte Gefahr unserer Angst. Aber das hab ich gestern schon gesagt. Hier.

Ich sage jetzt nicht, es ist besser ein Zündholz anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen, dafür liegt mir hier zu viel Sprengstoff herum. Aber manchmal genügt es schon, ein Fenster aufzustoßen.






http://www.dunkle-zeiten.info/beten-schadet-nicht-hilft-aber-auch-nicht-aufruf-zum-trotz/