Freitag, 6. November 2015

5 Dinge, die man als Autorin für gar nix braucht


Und weiter geht die 5-Dinge-Challenge.  

Heute mache ich mir mal Gedanken (jaja... ) darüber, was man als Autor eigentlich so gar nicht braucht. Natürlich sachlich fundiert und ohne das übliche Gejammere. Da bin ich eh dagegen.

Klagt nicht, kämpft.

Letzteres hilft, wo Ersteres nur nervt und Energien bindet.

Autorenwidrigkeiten

Um dieses Thema etwas einzugrenzen und sicherzustellen, dass ich mich nicht mit Stromausfällen, Rückenschmerzen, Rohrbruch, Schnieselwetter oder untreuen Männern (Dinge, die mir spontan einfallen) um eine autorenspezifische Betrachtung drücke, soll es nur um Autorendinge gehen.
Und bääääm – wird es schwierig und das Thema beißt mich in die Nase. Autsch!
Ich taste mich also vorsichtig näher an eine Antwort heran. 

Wobei ich dann die untreuen Männer schon mal explizit zurücknehmen muss ...  

Untreue Männer


(ggf. auch Frauen, je nach Geschlecht des Autors und sexueller Orientierung - political correctness und so.)
Nehmen wir Untreue im Allgemeinen. Tja. Moralisch verwerflich, emotional rücksichtslos, grausam, pfui, triebgesteuert ... blablabla. 
Aber: worüber schreiben wir denn, wenn nicht über das Unbill des Lebens und die Hoffnung, eben jene Widrigkeiten zu überwinden und an der Herausforderung zu wachsen?

Was ist der Unterschied zwischen Kohle und Diamanten? Druck! Genau.

Selbst, wenn es nicht gut ausgeht, ist der Protagonist ja irgendwie doch der moralische Sieger - oder notfalls der Autor, der die Sinnentleertheit der menschlichen Existenz auf kongeniale Weise emotional greifbar gemacht hat, wie Marcel (Gotthabihnseelig) lispeln würde.

Untreue Männer sind zwar persönlich ärgerlich, aber bei würdigender Gesamtbetrachtung literarisch nützlich. Klingt komisch, ist aber so.

Mir fällt dabei gerade auf, dass ich bislang noch nicht über untreue Männer geschrieben habe. Höchstens über eine untreue Frau. In der Agentin 006y. Aber das war Notwehr. Und so richtig untreu war Lisa eigentlich auch nicht. Oh mein Gott - ich bin prüder als ich dachte.

Schnell der nächste Punkt. 
David Oehmer - Cincinati Spring Grove

Schnieselwetter

zwingt mich, die sonst so gerne Outdoor-Flüchtige nämlich an den Schreibtisch. Und es verbreitet so eine wunderbar melancholische Stimmung, die es erlaubt, wirklich ergreifende Emotionsszenen zu schreiben. Bittersüß, kuschelig-anheimelig, romantisch, spuk-düster ... Schniesel ist vielseitig. In meiner Schwerttanz-Saga habe ich für das Wetter den schönen Begriff Nukis Tränen kreiert, der noch viel schöner für jene ist, die wissen, dass Nuki dort der etwas verbiesterte Wintergott heißt.

Außerdem - und das sollte man nicht vergessen - ist Schnieselwetter jenes, das auch jene sonst allenfalls semidisziplinierten Leser in den Sessel treibt, mit Tee und Kaminfeuer, und sie lesen lässt. Das ist gut, denn davon lebe ich als Autor schließlich. Von den Lesern. Ich erwähnte bereits in früheren Blogs, dass Autoren eine para-parasitäre Lebensform sind.

Kurz und gut: Schniesel ist des Autors Freund. Klingt komisch, ist aber so.

Rohrbruch

hingegen ist auch für Autoren doof. Es zwingt sie mit trivialer Nachhaltigkeit aus ihrem Autoren-Raum-Zeit-Kontinuum und fordert Interaktion in dieser Welt, der Normwelt, der Welt der normalen Menschen ein.
Mit Rohren und Wasser. Mit Haupthähnen und Menschen, die wissen könnten, wo diese sich befinden. Schnell. Kompromisslos. Das ist gut. Es erdet uns. Erde ist besonders gut. Die können wir jetzt brauchen. Vielmehr Sand, der ja eine spezielle Erde ist. In Säcken. Das Wasser steigt.
Und anschließend, wenn man eingehüllt in Handtücher und Decken auf den Sandsäcken sitzt und den Pumpen bei der Arbeit zusieht, überlegt der Autor schon, wie er diese jüngsten Erlebnisse verwenden könnte und sinniert über Schiffsuntergänge, Springfluten und Dammbrüche ...
Merke: Auch (und vielleicht sogar gerade) bei High Fantasy-Autoren haben die Abenteuer ihrer Protagonisten autobiografische Züge. Gut verborgen hinter Metaphern und in geradezu kafkaesk anmutenden Chiffren, aber wer freudig und jung zwischen den Zeilen lesen will, wird sie alle ertappen. High Fantasy ist zumeist auch nichts anderes als ein Entwicklungsroman (oder neudeutscher eine Coming-of-Age-Geschichte), nur eben aufgedöhnst mit Fanfaren und großem Orchester, bunt angemalt und etwas magischem Glitter. Fantasyautoren sind meist etwas infantil. Auch wenn man sich das bei Tolkien nicht vorstellen kann... Trotzdem. Ich meine, Hobbits?! Mit haarigen Füßen?! Ja nee, is klar.

Fazit: Rohrbrüche sind notwendig, sonst hätten wir keine Erfahrungen zum Darüberschreiben.

Rückenschmerzen

hingegen sind doof. Da sind sich alle - auch Autoren - einig. Es ist dies nun auch kein Schmerz, in den man hineinkriechen müsste, um ihn beschreiben zu können.
Und bevor ihr euch wundert - doch! Das gibt es. Schmerz ist eine ganz eigene Erfahrung mit einer sehr fein abgestuften hoch individuellen Wertigkeit.
Und auch die Rahmenbedingungen und ihre Wirkung auf unser Erleben und das Bewusstsein darüber sind ... eine Erfahrung wert.
Man weiß nicht, wie es ist, wenn man sein eigenes Blut sieht, bevor man es sieht. Und aus schmerzlich erworbener Erfahrung weiß ich, dass a) es nochmal was ganz anderes ist, wenn man zusieht, wie es analog dem Herzschlag aus einer Wunder blubbt (und zwar bei dieser Entdeckung sich spontan beschleunigend!) und b) dadurch gesteigert wird, wenn man schaut, was das seltsame Weiße im Rot ist und zur Erkenntnis gelangt, dass das vermutlich ein Knochen ist. Der eigene! Wäh!
(Wie das passiert ist, habe ich bei meinen Inselüberlegungen erzählt.) 

Aber die Szenen, in denen ich über Blut und Wunden schreibe, haben sehr von diesem Erlebnis profitiert. Doch zurück zu Rückenschmerzen. Rückenschmerzen sind blöde Schmerzen, denn aus ihnen erwachsen keine guten Geschichten. Aber Erkenntnisse. Schmerzen, pflegte meine in solchen Dingen immer sehr weise Urgroßmutter zu sagen, sind der Versuch deines Körpers, dir zu sagen, dass er das, was du gerade machst, nicht möchte. Und wieder haben wir etwas, das schmerzlich die Blase durchsticht, in die sich der Autor mit seiner imaginären Wohlfühlwelt eingeschnuggelt hat. Und das ist vielleicht gut so. Man neigt dazu, seinen Körper zu vergessen. Autoren mehr als andere Menschen und daher darf ich das hier schreiben. Essen, besonders gesundes. Trinken, besonders heißes. Sozialkontakte, besonders freiwillige ... Das alles gehört irgendwie auch zum Leben. Und darüber schreiben wir doch. Übers Leben. Und fürs Leben. Aber das ist erste der zweite Schritt.

Vielleicht sollte ich auf meinen Rücken hören und mal wieder vom PC weg und womöglich sogar an die frische Luft gehen. .

Stromausfall

Es heißt, unsere sogenannte Zivilisation stünde nach nur 36 h (ganz) ohne Strom inmitten der Anarchie. Meine Welt sicherlich.
Stromausfall ist der GAU. Speziell unangekündigt mit einhergehendem Datenverlust. Machen wir uns nichts vor. Wer hat ein Notstromaggregat, das mit einer Datenverlust verhindernden Reaktionszeit anspringt?
Ha! Ich.
Nicht, weil ich paranoid bin (anderes Thema), sondern weil ich am Laptop schreibe und zwar auch, während er aufgeladen wird.
Stromausfall trifft mich also zunächst nicht. Mit Blick auf meine Akkuarbeitszeit natürlich schon, aber eben erst eine halbe Stunde später.
Strom ist der Stoff, an dem unser aller Existenz hängt.
Ohne Strom könnte ich euch nicht erreichen und mit diesem Blogbeitrag zutexten.
Ohne Strom könnte ich nicht schreiben, bzw. nur schlecht mit Block und Bleistift, wie ich im Inselbeitrag angedroht habe.
Ohne Strom wüsste ich vor allem gar nicht, was ich schreiben soll. Das Internet ist mein Quell der Inspiration und des Wissens. Kann ich mir noch vorstellen, wie man früher mühsam in die Stadt in eine große Bibliothek gepilgert ist und gegebenenfalls via Fernleihe ein Buch aufgestöbert hat? Nein. Und das ist gut so. Brrrrr.
Ich schreibe vorwiegend nachts. Da haben die Bibliotheken zu und nur ich und Tante Google sind noch wach. Und all die Millionen von Menschen, bei denen es gerade nicht Nacht ist und die ich elektronisch erreichen kann. Und meine Autorenfreunde, die alle weit weg wohnen und zu denen ich hauptsächlich per Netz Kontakt halte.
Nein, in der Autorenwelt spielt Strom eine womöglich noch größere Rolle als im restlichen Leben.
Strom ernährt uns, denn weil wir so viel Zeit in der Autorenwelt verbringen, müssen wir Vorräte einkaufen und diese dann kühlen. Und weil wir nachtaktiv sind, brauchen wir Licht. Und Wärme. Die meisten Autoren sind verfroren. Was an der Übermüdung und der schlechten Ernährung und den kalt gewordenen Getränken liegen könnte. Ein Teufelskreis.

Strom muss sein.

Also ist ein Stromausfall eines der Dinge, die ein Autor für gar nichts braucht. Das erste. Das Wichtigste. siehe oben.

Und sonst?

Von materiellen Dingen sind wir also weitestgehend unabhängig. Was nicht heißt, dass ich nicht Geld gegenüber ein Verhältnis habgieriger Abscheu pflegen würde, das ich gerne in unmittelbarer Nähe auslebe. Deshalb ist es für Autoren weit schwieriger, mit immateriellen Widrigkeiten umzugehen. Speziell mit blöden Fragen. 

Oder präziser ausgedrückt, den strafrechtlichen Konsequenzen, die es hätte, auf diese Fragen angemessen zu reagieren. 

Also hier die vier dümmsten Fragen, die ein Autor für wirklich gar nix braucht:


  • "Wie du schreibst? Hast du noch nicht genug andere Hobbys?"
    Seufz. Wo beginnen? Mal abgesehen davon, dass "Hobby" ein in meinen Ohren etwas respektloser Begriff für eine überwiegend sinnfreie Tätigkeit ist, kann man den weltenschaffenden, die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen (himmelhoch jauchzend/zu Tode betrübt/abgrundtiefe Verachtung/supragalaktische Einsamkeit), das Ringen um Worte, das Bangen um Rankings nur schwerlich mit Mandala malen oder Serviettentechnik vergleichen. Wenn ich mich an meinem PC setze, hat das etwas mit Pandora und ihrer Büchse zu tun, wenn ich mich in Korrektorat, Marketing und ähnlichen Begleitarbeiten übe, viel mit den Aufgaben eines Sisyphos. Und nicht mit Gartenschach.
    Schreiben ist kein Hobby, sondern ein Zwang. Die Geschichten sind da, lauern mir auf, wuchern auf ganz banalen Ereignissen und wollen raus, in die Welt, sie wollen erzählt werden. Von mir! Jetzt! Auf der Stelle. Das ist kein Hobby. Echt nicht.
    Aber ich lächle brav und meine, dass ich eben vielseitig bin. Was stimmt. Auch wortwörtlich viel seitig. Aber eben deshalb doch nicht die Wahrheit.
  • „Warum denn ausgerechnet Fantasy und nichts Gescheites?“       
    Weil ich wollte, dass du es lesen kannst
    ist regelmäßig nicht die von meinem Gegenüber erwartete Antwort. Ebenso wenig, weil ich keine Lust auf ein Fachbuch habe. Fantasy, also „Fantasie“ ist alles Fiktive. Es waren Fantasten, die aus der Höhle getreten sind, die das Feuer gezähmt und sich das erste Mal auf den Rücken eines Pferdes geschwungen haben. Es waren Fantasten, die Fliegen wollten und nach den Sternen griffen, die sich mit einem Das Leben ist tödlich nicht zufrieden geben wollten und einfach trotzig Wunden wieder zugenäht und Penicillin erfunden haben. Bei genauerer Betrachtung sind in allen Sparten unseres Lebens die Fantasten die Großen, die Genies … die aus ihrer Fantasie etwas Neues schaffen. Aber was erkläre ich das jemandem, der solche Fragen stellt?
  • „Kann man vom Schreiben leben?“
    Urgs. Schwieriges Thema. Biologisch betrachtet, geht es sicher. Aber ehrlich wäre eine Gegenfrage. Kann man auch ohne? Also nicht notwendig schreiben, aber erzählen. Oder präziser: Will man? Und wenn ja, warum?
    Es hängt in hohem Maße davon ab, was man vom Leben will und wie man leben will. Ich würde es begrüßen, wenn ich von meinem Schreiben meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Und den meiner Tiere, die sich ignorant darauf verlassen, dass ich es irgendwie schaffe, die nächste Mahlzeit pünktlich (Pferd!), reichlich (Hund!) und in der gewünschten Geschmacksrichtung (Kater!) zu servieren. Daher hier ein kleiner Bettelappell an meine Leser und Nochnicht-Leser… Weihnachten naht!)
  • „Willst du mit deiner Zeit nichts Sinnvolles machen?“
    Wollen tät ich schon mögen. Nur dürfen hab ich mich nicht getraut. Das hat Karl Valentin sicherlich auch zum ersten Mal bei einer solchen Frage gedacht. Im Ernst, es würde die Menschheit nach vorn bringen, wenn man für solche Fragen einfach darwinistisch aussortiert würde. Peng. Aus. Welt verbessert.
    Geschichten unterscheiden den Menschen vom Affen, sage ich immer. Geschichten transportieren Wissen. Geschichten sind Kunst und dienen der Bildung. Lauter gute Gründe, die anerkanntermaßen höchst sinnvoll sind. Aber viel wichtiger: Geschichten machen glücklich. Nicht nur mich, was mir persönlich als Begründung schon ausreichen würde, auch wenn das ein Grund zum Fantasieren, aber nicht zum Schreiben und schon gar nicht zum Veröffentlichen wäre. Sondern eben auch andere Menschen. Ich höre so oft, dass ich mit meinen Geschichten andere Menschen glücklich gemacht habe, dass sich sie zum Lachen, zum Nachdenken, zum Schmunzeln und sich Fragen stellen brachte. Und letzteres ist mir besonders wichtig. Meine Vampire sagen, dass die meisten normalen Menschen heute Zombies sind, die vor lauter Hetzen, vor lauter Angeben, vor lauter Geld verdienen und Katzenbilder posten gar nicht bemerken, dass sie schon gestorben sind. Eine Leserin schrieb, dass sie seither jeden Morgen in U-Bahn an mich denkt und lächelt.
    Ich könnte anders mehr Geld verdienen, sicher (noch ein Hinweis!). Aber ich glaube nicht, dass ich etwas Sinnvolleres machen kann.
  • „Ich muss jetzt echt irgendwann auch mal eines deiner Bücher lesen.“
    Lass stecken. Jetzt nicht mehr. Ich möchte keine Almosen und mit der Formulierung hast du dein Angebot zu einem solchen gemacht. Du sollst nicht müssen sondern wollen. Weil dich die Geschichte interessiert. Weil dich interessiert, was ich mir mit Herzblut von der Seele geschrieben habe. Weil ich dich interessiere. Aber du musst nicht. Und irgendwann schon gar nicht. Kauf das Buch einfach, am besten mehrere. Damit ist in deiner Welt mehr erreicht als mit dieser Aussage und dann sind dein Gewissen und mein Banker zufrieden. Und kauf es bitte, bitte, bitte am Erscheinungstag! Denn da wird von den Verkäufen das in unserer Massenkonsumgesellschaft so wichtige Einstiegsranking definiert. Kauf es mit Release, auch wenn du es nicht liest. Damit hast du mir sehr geholfen und wenn du es dann nicht liest, behalte es für dich, dann geht es uns beiden gut.

Bis auf seine Seele ist der Autor hart im Nehmen. Echt. Frontal. Jegliche Widrigkeiten kann ein Autor irgendwie verarbeiten.

Aber:

Seid vorsichtig was, ihr zu Autoren sagt, denn es wird in einer Geschichte verwendet werden. Ganz bestimmt.