Montag, 22. Juli 2013

Wenn das Hirn schmilzt - oder die Struktur des Schreibens

Ich habe es ja schon gesagt, es ist heiß!
Münchner Sommer neigen zu Extremen. Sie geben sich sehr selbstbewusst gegenüber dem Münchner Winter, der kess mit der Antarktis kokettiert, wenn er sich nicht gerade in monatelanges Schnieselgrau kleidet. Münchner Sommer sind entweder nass (im Sinne von monatelangem Schnieselgrau) oder heiß. HEISS.
Im Sinne von schwül. So schwül, dass man im Bett davonschwimmt, dass man sich frägt, warum man irgendwann im Embyonalstadium zwar Kiemen ausbildet, sie dann aber wieder abwirft (wo man sie doch so gut brauchen könnte) und dass das Hirn verquillt, während man doch an seinen Texten arbeiten müsste/sollte/wollte. Ich weiß es nicht. Weiß nicht, was ich wollte. Sagen wollte. Schreiben sollte.
Es ist heiß. Aber das habe ich schon gesagt. Und ich bin kurzatmig. Vermutlich weil mein geschmolzenes Gehirn gerade melasseartig meine Kehle hinunterrinnt, um meine Lunge zu verkleben und mein Herz einengt, bis ich - unfähig nur noch einen einzigen geraden Gedanken zu fassen - ohnmächtig über meiner Tastatur zusammenbrechöoasdkplöööa...

Eigentlich wollte ich ja über die Struktur des Schreibens schreiben und das ist an einem Tag wie diesem auch dringend erforderlich. Zu wenig Kreativität kann die Struktur eines Textes als jene Krücke verwenden, die andernfalls zügelt, was sich zu vergaloppieren droht. Ich schreibe eigentlich schnell. Gern und mit flinken Fingerchen. Ohne großes Plotten, ohne Konzept. Einfach nur so, wie es mir einfällt, wohin mich die Geschichte treibt. Das geht übrigens nicht schneller, sondern nur in einem anderen Rhythmus. Wer vorher plottet, muss nachher weniger glätten. Man kann sich bei Hitze entweder langsam voranbewegen, um nicht zu schwitzen, oder aber öfter Klamotten wechseln und duschen. Gibt sich nicht viel. Dauert am Ende gleich lang. Dumm für die, die beides müssen. Kriechen und duschen. Aber ich schweife ab. Es ist heiß.


Worüber wollte ich heute bloggen? Ach ja, über Struktur.
Man sieht schon, es genügt nicht, um etwas zu erzählen, wenn man weiß, was man erzählen will. Man muss das komprimieren und gewichten. 

In der Hitze bäckt alles, bis auf das Wesentliche zusammen. Ist eine Mumie, die Essenz eines Körpers? Auch in einem Text sollte man Entbehrliches weglassen. Füllwörter meiden und Adjektiven mit gesunder Skepsis begegnen. Knappe, prägnante Sätze, die den Leser abholen, in die Geschichte tragen und dort so fesseln, dass er nicht mehr hinauskommt. Besser noch - er soll nicht hinauswollen. Dem Autor und seiner Geschichte hilflos ausgeliefert, Opfer seiner eigenen Neugier, in der er brennen soll, wie ich heute Nachmittag. Muahahaha.

Es genügt nicht, dass der Autor seinen Plot strahlen lässt. Er muss auch seine Geschichte schattieren können. Schatten ist was Tolles. Gerade im Sommer.
Auch ein maximal zusammengestrichener, hochdruckkomprimierter Text besteht aus wichtigen Dingen, Informationen, die den Plot transportieren, Hinweisen auf wesentliche Charaktereigenschaften der Protagonisten, die man wissen muss, um sie zu verstehen und Dingen, die im nächsten Kapitel wichtig werden. 
Daneben gibt es natürlich auch nicht so wichtiges. Atmosphärisches, eine Schilderung einer Beobachtung, Dinge, die man mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf aufnimmt. Die man nicht so bewusst wahrnimmt, aber die trotzdem wirken, auch wenn man sie nachher nicht zitiert (außer man hat Spaß daran, auch außerhalb der Schule nochmals einen Text so richtig zu sezieren). Sie sind wichtig für das Wohlbefinden des Lesers, fürs Gesamtbild und für Ruhepausen, damit sich das Wichtige im Leserhirn setzen und bei Bedarf erinnert werden kann.
Anders als der Leser weiß der Autor, was jetzt konkret richtig wichtig und was jetzt nur so lesenswert ist. Und das muss er für den Leser unaufdringlich bemerkbar machen. 
Würde er nur das "richtig Wichtige" beschreiben, fühlt der Leser sich von der Informationsflut überfordert, ist angestrengt und schnell unwillig. Wer einen Datenoverkill sucht, liest eher Fachbücher. 
Schreibt er alles auf, ohne zu strukturieren und Filter anzulegen, wird das für den Leser sogar noch frustrierender, denn er hat sich dann womöglich mühevoll gemerkt, was gar nicht wichtig gewesen wäre. 

Ich habe zum Beispiel in der ersten Fassung von "Einfach kein Held", dem Prä-Helden quasi, ein Gespräch mit dem Hofnarren am Bankett aufgenommen, die einfach nur die Vielschichtigkeit des Kaiserhofs aufzeigen sollte. Das hat aber die Leser sehr verwirrt,weil sie annahmen, diese Szene hätte eine tiefere Bedeutung. Und ich wurde gefragt, wann denn der Hinweis des Narren Bedeutung erhalte...
JETZT. Denn ich habe gelernt, dass so was nicht funktioniert. Also nicht so. Wenn es einer Geschichte an Struktur fehlt, verschmilzt alles zu einem zähen zerkochten Brei, den zu lesen keinen Spaß macht. Wenn an hingegen seine Geschichte mit ein paar raffinierten Beilagen würzt, gewinnen alle. Das Hauptgericht und die Beilagen. 

Ich habe mir jetzt einen starken Minztee gemacht, der so wie ich es mal in Marokko gelernt habe (oder war es Tunesien), tatsächlich gut gegen Hitze hilft. Warm! Mit einem Ventilator und feuchten Vorhängen. Wirkt auch. Und so bin in der Lage, strukturiert zu denken. 

Wie aber strukturiert man einen Text?
Gutenberg, so habe ich mal wo gelesen, hatte seine Bibel aus Platz- und Papierspargründen ohne Absätze gedruckt. Nachvollziehbar.
Ich hatte letztlich eine wirklich gute Geschichte einer befreundeten Autorin zu lektorieren, die Absätze auch eher sparsam und nach dem Zufallsprinzip eingesetzt hat, und weiß jetzt, warum die "Return"-Taste auf der Tastatur so groß ist. 
Zu einem guten Text gehört eben auch eine optische Unterteilung. 
Mit einem Absatz weißt der Autor unauffällig seinen Leser auf einen neuen Gedanken hin. Oder auf einen anderen Redner. Oder auf eine andere Art von Wechsel. Oder auch eine Betonung. 
Ein Autor hingegen sollte seinen Text darauf untersuchen, ob jeder Absatz eine Aussage hat und wie diese in Sachen Wertigkeit/Wichtigkeit im Verhältnis zu seiner Nachbarschaft steht. Es sollten  nicht die einen Passagen mit Ereignissen überfrachtet und andere mit leerem Gerede geflutet werden. 

So wie einzelne Hitzetage angenehm sind und ein Platzregen befreiend sein kann, sollte man es bei Absätzen nicht übertreiben. Absätze mit mehr als 15 Zeilen, sollten sich vor Ihrem Autor für ihre Länge rechtfertigen müssen, denn sie erschlagen die Leser leicht. In zu großen Blöcken verliert sich das Auge. Auch zwischen den Sätzen, die sich zu einem Absatz zusammenfinden, sollte ein logischer Zusammenhang bestehen. Andernfalls...d Return-Taste.

Große Absätze sind Kapitel. Oder besser: Kapitel sind so etwas wie große Absätze. 
Ein Kapitel sollte eine in sich geschlossene Einheit bilden und sich grundsätzlich in Anfang, Mitte und Schluss unterteilen lassen. 
Ich schreibe beim "Helden" in verschiedenen Handlungssträngen, die miteinander verflochten sind. Das führt zu Kapitelchen im Kapitel. Bei ihnen achte ich sehr auf diesen dramaturgischen Aufbau. Die eigentlichen Kapitel hingegen geben zuvorderst einen (zeitlichen) Rahmen vor, innerhalb dessen die Handlungsstränge verwoben sind. Ein Kapitelende signalisiert einen ramaturgischen Knoten. Einen Abschluss. 
Bei mir. Es gibt keine festen Regeln für Kapitel. Aber Tipps.
Es gibt Autoren, die sehr ausgewogene Kapitelstrukturen nutzen. Ungefähr gleichlange Abschnitte. Es gibt viele Autoren, die zwischen langen und kurzen Kapiteln abwechseln. Zu lang sollten sie keineswegs sein, das strengt beim Lesen an. 

Ich versuche - im Großen und Ganzen - die Kapitel etwa gleichlang zu halten, die einzelnen Abschnitte dagegen unterschiedlich. Vielstufige Werke haben auch Vorteile. 

Cliffhanger sind, richtig eingesetzt, so was wie der Ansaugstutzen der Geschichte. Gemeint ist ein offenes Ende. Man liest, hat eigentlich keine Zeit, will das Kapitel fertig lesen. Der Ordnung wegen und dann das. Ein Cliffhanger, man weiß nun doch nicht. ob der Held erwischt wird, der Bösewicht seine Strafe erhält, das Mädchen seinen Liebsten... Also liest man weiter. Sehr gut! Allerdings stumpft der Leser dabei auch leicht ab. Im Zweifel würde ich das daher lieber sparsam einsetzen. Weniger ist häufig mehr.

Und erstaunlicherweise hat Patricia Highsmith Recht, wenn sie schreibt, ein Roman würde gewinnen, wenn man ein bis zwei Sätze am Ende eines Kapitels streicht. Und zwar jene, von denen man annimmt, dass sie hingehören. Sätze, Szenen, Worte, Kapitel - bei denen schon der Autor überlegt, ob der Plot sie braucht - braucht er sicher nicht!

In diesem Sinne - bleibt es mein Geheimnis, was das ursprünglich geplante Ende dieses Beitrags gewesen wäre. Nur soviel dazu: Ich hatte doch noch was zum Wetter zu sagen...