Donnerstag, 4. April 2013

Am Anfang war die Idee - und der Weg zum Buch



Schreibstube 1
Am Anfang war die Idee.



An der Idee scheitert es meistens nicht. Brandon Sanderson sagt etwas provokativ: „ideas are cheap“. Das ist richtig. Gute Einfälle, oder vielmehr das, was man in erster Begeisterung voll Sturm und Drang für solche hält, gibt es im Dutzend. Sie in sich zu tragen und reifen zu lassen, ist bereits ein erster Filtervorgang. Nicht alles, was auf dem Feld der Fantasie wächst, ist auch für die Haute Cuisine geeignet. Und wenn aus einer noch so guten Idee ein ihr würdiges Buch werden soll, dann muss sie strukturiert werden. An einem roten Faden müssen sich die tollen Einfälle, die spritzigen Dialoge, die spannenden Abenteuer zum grandiosen und überraschenden Finale entlanghangeln.
Der Autor sitzt mit gespitztem Bleistift und einer großen Kanne frischgebrühtem Kaffee bereit, um sich von der Muse küssen zu lassen. Auf dem Weg zum Nobelpreis-Bestseller mit Hollywood-Filmrechten fehlt jetzt eigentlich nur noch… ja, was eigentlich?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie die in uns arbeitende Geschichte, jenes eigenwillige Wesen, dem wir uns mit solcher Inbrunst widmen, das uns so quält und beglückt, ihren Weg aufs Papier findet. Ich würde sogar sagen, es gibt so viele Möglichkeiten wie Autoren und die sind so unterschiedlich wie deren Geschichten.

Es gibt den Intuitiv-Schreiber, jene Autoren, die mit nichts als einer „Idee“ bewaffnet, zur Tat schreiten und dann ihr Buch von vorne nach hinten in möglichst einem Zug durchschreiben. Andere hingegen plotten vorher sehr intensiv, teils bis in die Feinheiten einzelner Szenen hinein und konstruieren so ihre Geschichten.
Ich persönlich schreibe sehr frei von der Leber weg erst einmal die Geschichte so wie sie sein will, runter. Aber dann streiche ich und feile und  schleife... Schneller geht das nicht. Jedenfalls bei mir nicht. Es liegt mir nur besser als das vorherige Planen.

Unabhängig davon, ab man lieber plant oder drauflos schreibt, am Ende ist es harte Arbeit, eine wilde Geschichte zu disziplinieren und in Struktur und Grammatik zu schlagen.
Da schadet es keinesfalls, sich mit den theoretischen Grundlagen einer guten Geschichte zu befassen. Logische Zwänge, Lesegewohnheiten und nicht zuletzt das gute „Bekannt und bewährt“ zeigen, dass gewisse Strukturen erfolgreicher sind, als andere. Das ist ein statistischer Wert und gewiss ist das Reißbrett kein Garant für ein erfolgreiches oder gar gutes Buch, aber eine Betrachtung schadet nicht. Und in jedem Fall hilft dieses Handwerkszeug dann weiter, wenn die Geschichte sich mal wieder als bockig und bissig erweist und nicht so recht auf dem Papier wirken will.

Plotten, also die theoretische Entwicklung und Gliederung einer Geschichte nach einer der zahllosen hierfür empfohlenen Techniken hilft, abstrakte Sachverhalte übersichtlich zu gestalten, Ideen logisch weiterzuentwickeln und verkürzt nicht zuletzt überschäumende Einfälle zu einer buchtauglichen Form.
Ich könnte allein mit den entfallenen Szenen zum Helden ein eigenes Buch füllen und immer wenn wieder eine geniale Idee, ein herrlicher Dialog, eine witzige Begebenheit dem Plot zum Opfer fielen, könnte ich weinen. Irgendwann veröffentliche ich ein Buch der verlorenen Worte. Ausgleichende Gerechtigkeit. Resteessen sozusagen.

Plotten ist generell in vielerlei Hinsicht ein bisschen wie Kochen. Aber der Reihe nach:

Was erzählt die Geschichte? Um was geht es?

Liebe? Selbstüberwindung? Selbstfindung? Feindschaft? Grauen?
Natürlich kann alles in einem Buch vorkommen, und es schadet auch nicht, wenn das so ist.
Aber wenn nur ein Schlagwort erlaubt wäre, auf was soll der Spot gelenkt werden?
Dies ist das herausragende Gewürz der Geschichte, mit dem der Leser geködert und in die Abhängigkeit getrieben werden soll.
Beim Helden ist  das schwer zu sagen. Die verschiedenen Handlungsstränge sind im Prinzip von einander unabhängig zu lesende, selbständig funktionierende Geschichten, die ich in einem Anfall von Größenwahn gemeinsam zu erzählen begonnen habe. Deshalb hat jeder Handlungsstrang seine zentrale Aussage. Liebe etwa bei Rommily und Kurd. Selbstfindung bei Barrad und Punica.

Und wie lässt sich die Geschichte in einem, maximal in drei Sätzen zusammenfassen?
Diese „Essenz“ ist es, was übrig bleibt, wenn man die Geschichte maximal eindampft. Hochkonzentriert gibt sie die Grundidee wieder. Je schwerer es fällt, sie knapp zu fassen, desto wahrscheinlicher leidet die Geschichte an strukturellen Schwächen.
Auch hier ist der Held wieder etwas bockig. Ich wollte eine solche Essenz für den Zyklus ebenso wie für jeden eigenen Band.  Das gelingt nicht immer, aber jeder Handlungsstrang hat seine Essenz in jedem einzelnen Band und wenn ich sie so zum Helden-Zyklus verwebe, dann kann ich auch für den so entstehenden Zopf eine solche Aussage treffen.

Das Fazit der Geschichte? Warum soll ich lesen?
In alten Texten liest man oft:    und die Moral von der Geschicht…
Das hat seinen guten Grund. Es sollte ein zentrales Thema sein, das durch eine Frage aufgeworfen und im Verlauf des Buchs zu einer Antwort führen sollte. Mit anderen Worten, in Erwartung dieser Antwort, wird der Leser die Geschichte lesen. Es kann dies in der Prämise begründet liegen, aber auch in einem wiederkehrenden Motiv.

Wer erlebt die Geschichte? Um wen geht es?
Die Entwicklung der Figuren ist das Fleisch in der Suppe. Auch der Protagonist sollte in ein, zwei knappen Sätzen erst einmal grob charakterisiert werden können. Dies ist eine Kurzvorstellung, ein erster Eindruck, ob unser Held zur Geschichte passt und stimmig den vorgesehenen Platz in ihr ausfüllen kann. Was treibt den Protagonisten an? Auch er braucht ein Motiv für sein Handeln. Nichts ist schlechter, als das Gefühl, eine bestimmte Reaktion erfolgt nur, weil der Plot es verlangt, ohne dass sie sich aus der Logik des Protagonisten ergibt.
Kaska zum Beispiel ist der klassische Abenteurer, der sich beweisen will und dabei vor allem sich selbst überrascht. Xeroan dagegen der Gelehrte, der eigentlich nichts weniger als ein Held sein will. Beide treibt aber ihr Selbstverständnis an, der Wunsch, das Richtige zu tun, auch wenn es schwer fällt.

Was geht schief?
Leser sind sensationslüsterne Monstren. Die Mitteilung, dass der Protagonist sich eines Tages in ein Mädchen verliebt, dieses die Liebe erwidert und die beiden dann alsbald heiraten, Kinder kriegen, ein Haus bauen und dort nach einem geruhsamen Lebensabend friedlich sterben, ist zwar friedlich aber laaaaaaaangweilig. Drama, Baby! Wir alle wollen über Konflikte lesen und sehen, wie man sie überwinden kann. Nur am und um den Konflikt herum entsteht Spannung und nur mit Spannung hält man den Leser an der Geschichte!
Und wenn ich mir daher die Geschichte so betrachte, durch die ich meine Protagonisten scheuche, dann stelle ich fest, dass ich schon ziemlich gemein bin. Die Ärmsten stolpern von einer Katastrophe in die nächste und müssen sich in einer Welt behaupten, in der einfach alle Strukturen aufbrechen. Das trägt durch einzelne Szenen, ganze Bücher und schließlich auch das Gesamtwerk.

Wer ist schuld?
Gleichberechtigung! So wie der Protagonist geplant wird, sollte man auch dem Antagonisten Aufmerksamkeit widmen. Er wird maßgeblich zur Qualität der Geschichte beitragen.
Auch wenn im Helden der Bösewicht, der Dunkle als Antagonist, nicht direkt in Erscheinung tritt, ist er doch sehr prägend, und zwar sowohl in Bezug auf seine Gefolgsleute als auch als Ansporn der Protagonisten.

Nachbesserung erforderlich?
Allmählich steht das Grundgerüst. Bevor man nun aber zu schreiben beginnt, sollte man nochmals prüfen, ob jetzt alles stimmig ist. Man schmeckt ja auch die Suppe vor dem Servieren nochmals ab. Wird aus dem Aufeinandertreffen von Hauptfigur und Konflikt eine griffige Lösung entwickelt?


Wer macht noch mit?
Da meist weder der Protagonist noch dessen Antagonist alleine handeln, ist es nun erforderlich, die Nebenfiguren zu entwickeln. Helfer, Freunde, Verwandte, Ratgeber. Und auch ihnen sollte man Sorgfalt, Liebe und Aufmerksamkeit widmen. Wenn die Beilagen nichts taugen, schmeckt der beste Braten nicht.
Meine Nebenfiguren sind kaum schwächer ausgearbeitet als die Protagonisten. Sie sind teils so stark, dass sie zu neuen Protagonisten werden, wenn neue Handlungsstränge eröffnet werden.  Das liegt auch daran, dass ich so furchtbar gerne Charaktere entwickle.

Wie begegnet der Held dem Konflikt?
Von seltenen Ausnahmen abgesehen, hat der Protagonist sich den ihm vom Autor hinterlistig in den Weg gestellten Problemen zu stellen. Er soll zumindest versuchen, diese Konflikte zu lösen. Auch, wenn er nicht in allem Erfolg hat.

Das Buch braucht, wie gesagt, eine zentrale Aussage, damit die Geschichte nicht fade bleibt. Und ebenso bedarf es eines zentralen Konflikts. Eine Herausforderung, der sich der Protagonist stellt. Und auch die sollte in einem Satz zu formulieren sein. Der zentrale Konflikt ist quasi der Pfeffer zum Salz.

Anhand dieser Grundüberlegungen kann das Rezept für ein neues Buchprojekt entwickelt werden. Aber man kann auch herausschmecken, woran es fehlt, wenn man nicht zufrieden ist.

Und wenn es jetzt fast so sehr ums Essen wie ums Schreiben geht, dann liegt das vermutlich daran, dass ich Hunger hatte.