Montag, 2. Dezember 2013

NaNoNa - National Novel Writing Month - eine ganzheitliche Betrachung

All I need - Rissa (www.piqs.de)
Still war es hier.
Weil ich fleißig war.
Ich habe tatsächlich am NaNoWriMo - oder auch kurz NaNo teilgenommen.
Der NaNo heißt - wie auch in der Überschrift zu lesen - eigentlich National Novel Writing Month und ist insofern schon eine Lüge, denn tatsächlich ist dies der Deckname für ein seit 1999 periodisch wiederkehrendes internationales, weltweites kollektives Schreibfieber, das Autoren jeder Coleur und aller Genres alljährlich im November befällt. Für eine PDF-Urkunde und ein tiffiges Icon, das man dann - entsprechendes technisches Verständnis vorausgesetzt - in seine E-Mail-Signatur, Homepage, Profilbildchen oder sonstwo - integrieren kann.

Wofür das Ganze? Nun, das Icon besagt, dass ich es geschafft habe, innerhalb von 30 Tagen (1.  bis 30. November) mindestens 50.000 Worte für einen Roman zu schreiben. Man darf über den 30. hinaus schreiben - ich zum Beispiel muss das auch tun, denn mir fehlen zum Finale noch gute 10-20.000 Worte. Vorher anfangen ist hingegen verboten. Planen darf man, soll man, muss man wohl auch, denn on-the-Flight wird das bei dem Pensum knackig.

Die Veränderungen, die dabei in einem ja eigentlich das ganze Jahr über schreibenden Autor vorgehen, sind erstaunlich und rechtfertigen eine Nachlese in diesem Post. Womit sich auch der Titel erklärt: NaNoNa = NaNo Nachlese.

Literarisch gesehen ist es auf jeden Fall ein tolles Projekt, das einen wieder oder auch endlich einmal zum Schreiben und mit anderen Autoren zusammen bringt. Ob der damit einhergehende Zeitdruck nun der Qualität der Texte förderlich ist, sei dahingestellt - so ganz überzeugt sind die Initiatoren ja selbst nicht, wenn sie davon sprechen, dass das Zeitfenster schlechte Texte nicht grundsätzlich verhindert... In meinem Fall war jedoch weniger der Zeitdruck als vielmehr das Wortkontingent das Problem. Man beginnt da unweigerlich so einen eher blumigen und wortreichen Schreibstil an den Tag zu legen, bei dem für eine an sich doch eher banale Erkenntnis einfach immer deutlich mehr Worte zum Einsatz kommen als bei einem als stilistisch gelungener zu bezeichnenden Stil... Oder nano-feindich ausgedrück: Ich begann zu schwallern!
Andererseits ist damit auch gleich der Dezember arbeitstechnisch belegt, nämlich mit dem Überarbeiten, das bei einem solchen Schnellschuss definitiv länger brauchen wird als sonst - und zwar bereits vor dem Lektorat.
Literarischer Ansatz
Dieser Text ist anders als meine sonstigen. Erstens mal ist die NaNo-Geschichte mit dem klangvollen Namen #VampireBeginnersGuide weder eine klassische Fantasy-Geschichte noch ein Sachtext, sondern Urban-Fantasy. Und so sind nicht nur die Protagonistin, die nach einem One-Night-Stand an sich einige bemerkenswerte Veränderungen feststellt, sondern auch ich Beginner. Neues Genre, neue Figuren, neuer Schreibstil - passt ja, dass es auch mein erster NaNo war. Jetzt jedenfalls ist das Werk soweit vorangetrieben, dass ich die letzten beiden Kapitel auch noch schaffe und dann ist alles niedergeschrieben. Wer meint, das sei es gewesen, irrt. Das ist ungefähr so richtig, als würde man sagen, das Plätzchen backen sei beendet, wenn man die Dinger aus dem Backofen holt.
Dann beginnt der Autor eines Werkes nicht anders als der Plätzchenbäcker, die die kleinen Haken, die man beim "Runterschreiben" unweigerlich zurücklässt, auszumerzen, die kleinen Schmuckstücke liebevoll zu dekorieren und zu verschönen - und dann muss man auch noch aufräumen. Das bedeutet bei der Arbeit am Text auf die Jagd nach Wortwiederholungen, Füllwörtern, grammatikalischen und stilistischen Patzern sowie Tippfehlern zu gehen. Und wenn das erledigt ist, gibt man das Werk noch einmal aus der Hand, um es von einem neutralen Dritten lesen zu lassen, sprachlich im Rahmen des Korrektorats und auch inhaltlich im Lektorat. Und das ist auch zumeist dringend nötig, denn der Autor selbst kennt seinen Text bis dahin meist mehr oder minder auswendig und findet weder Rechtschreibfehler noch Logikbrüche (wie auch, der Autor weiß ja, was er sagen will...). Manchen ist diese Arbeit ein Graus, anderen macht sie Freude. Ich gehöre zur 2. Gruppe und sehe dem mit saisonal passender Vorfreude entgegen. Das ist die optimale Beschäftigung neben dem Plätzchenverzehr.

Logistischer Ansatz
Das Schreiben selbst stellt während des NaNo mehr noch als sonst vor allem eine logistische Herausforderung dar. Denn dummerweise hat mein Chef so absolut gar kein Verständnis für mein dringendes Bedürfnis in einem Monat 50.000 Worte für ein sehr wahrscheinlich für alle Zeiten völlig unbekanntes Buch zu verschwenden. Das heißt, mein normaler, eher sportlicher 45+-Wochenstunden-Berufsirrsinn tobt untertags unvermindert weiter. Auch der Hund, der Haushalt, die Topfpflanzen, die Waschmaschine, der Kühlschrank, der Kater und sogar die Fische im Aquarium fordern jeder auf seine Weise aber doch  nachdrücklich Aufmerksamkeit ein, die mit einem "Bitte nicht stören"-Schild vor meinem Schreibtisch absolut nicht umgehbar ist. Mein taktisch ausgeklügelter Plan, meinen Mann die frauenabstinente Zeit dahingehend zu verkürzen, dass er sich zumindest um den Zoo kümmern könnte... wurde leider rundheraus abgelehnt. Mit dem Erfolg, dass unter der höhnisch stetig wiederholten Parole "Arbeitsteilung" ich nicht nur gefühlt eher mehr als weniger zu tun hatte, sondern zudem auch noch die drastisch zusammengeschrumpfte Restzeit zumindest teilweise auf den Erhalt meiner Ehe aufwenden musste - wobei "müssen" nicht ganz richtig ist, denn jenseits des Novembers verbringe ich sehr gerne Zeit mit meinem Mann und klage sonst an dieser Stelle eher über ein "zu wenig" als ein "zu viel" - an dieser Stelle zeigt sich ein wertvoller philosophischer Bonus: Sei vorsichtig mit dem, was Du Dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen!

Medizinischer Ansatz:
Nachdem auch bei noch so guter Planung die logistischen Bemühungen schnell ins Improvisationsmanagement abgedrängt worden waren, blieb mir nichts anderes übrig, als die Realisierbarkeit der NaNo-Ziele unter anderen Aspekten auszutesten.
Ich bin auch unter günstigeren Umständen ein eher nachtaktiver Mensch und hey - wann wenn nicht deutlich nach Mitternacht soll man eine stimmungsvolle Vampirgeschichte schreiben?
Blöd nur, dass auch mit zwei Kannen Kaffee und dem Willen, sich das Schlafen abzugewöhnen, die menschliche Physiognomie an ihre Grenzen stößt. Unter 3 Stunden Schlaf bin ich auf Dauer nicht zu gebrauchen und selbst dann sind 20 Std. im Wochendurchschnitt einfach zu wenig. Ich merke das daran, dass mein Kreislauf einfach zu blubbern beginnt wie ein Diesel im zu hohen Gang, und meine Augen brennen und - auch wenn es mich schmerzt, das zuzugeben - die Qualität meiner Texte nicht direkt gewinnt. Und damit stößt das Projekt auch eine logische Grenze. Mit einer fiesen Augenentzündung, einer "Maushand", akutem Schlafmangel und ersten Anzeichen einer ernst zu nehmenden Koffein-Sucht zog ich Mitte des Monats ernsthaft in Erwägung, das NaNo-Projekt abzublasen. Doch aufgeben ist halt so gar nicht mein Stil...
Die Blässe und die Augenringe kann man als Feldstudie gut verkaufen - ich hätte viel früher in das Vampirfach wechseln sollen. Und die Pickel als treue Begleiter schlechten und zu späten Essens zum Kaffee, lassen sich überschminken. Schlaf kann ich im Dezember nachholen. Oder zu den Weihnachtsferien.
Der Belastungstest für mein Gebiss im Rahmen des fast durchgängigen Zähnezusammenbeißens ist auch noch so ein Nebeneffekt, der gewiss kein Einzelschicksal ist.

Pädagogischer Ansatz:
Wer von sich solche Schichten erwartet, erreicht sein Ziel nur mit Disziplin. Mit viel Disziplin.
Und doch hat man ein Vorfreude-Gefühl wie sonst nur zu Weihnachten. Das im Vorfeld ja auch immer als zu stressig bejammert wird. Man lernt also fürs Leben auch außerhalb der Literatur und des Novembers...

Mathe zum Beispiel. Im Ernst, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel gerechnet habe. Die Ausgangskalkulation - 50.000 : 30 = 1.667 - ist ja noch einigermaßen simpel. Das bekommt ja sogar so ein Zahlendepp wie ich noch hin. Und von daher übte ich mich im Rechnen wie seit Schultagen nicht mehr. Anfangs einfache Addition 1.667 + 1.667 + usw.
Aber schnell gerät man ins Hintertreffen und das Soll muss neu berechnet werden. Division für Fortgeschrittene, insbesondere wenn man - siehe oben - Zeiten, die nicht zum Schreiben taugen, berücksichtigen muss. Und dann - so ab dem 10. November hat man ja doch ein bisschen was geschafft und beginnt, sich zu fragen, wie viel... Prozentrechnen tritt auf den Stundeplan. Wie gesagt, ich bin nicht gut beim Rechnen und zwischendrin befällt mich schon der Verdacht, dass ich weiter im NaNo wäre, wenn ich nicht ständig rumrechnen würde, wie weit ich noch bin.
Nächstes Jahr versuche ich jedenfalls, den NaNo degressiv zu rechnen - stark anfangen und dann nachlassen dürfen. Damit hat man über das Monat auch Puffer für Unvorhergesehenes wie z.B. einen kranken Hund.

Soziale Komponente:
Der NaNo führt, das ist klar, zu drastischen Veränderungen des Sozialverhaltens. Das soll aber nicht heißen, dass man alleine wäre. Nein, absolut nicht. In den Netzwerken und Foren - überall trifft man Gleichgesinnte, Gleichwahnsinnige, Gleichgetriebene. Das wechselseitige Anfeuern fördert Team- wie Führungsqualitäten, man erfährt in diesen Krisentagen viel über sich und die anderen, über Menschen im Allgemeinen, Autoren im Besonderen und die Abgründe zwischen Genie und Wahnsinn im Speziellen.
Ich habe viele nette Leute kennengelernt und viel Spaß beim Schreiben gehabt. Danke daher an die Teilnehmer in der NaNoWriMo-Hütte auf Facebook und natürlich im Tintenzirkel, ohne dessen Naniten-Board ich schon gar nicht die Teilnahme gewagt hätte.
Natürlich schreibt man nicht gemeinsam, aber man schreibt eben auch nicht allein. Oder jedenfalls nicht einsam. Es ist schön, verstanden zu werden. Der Mensch ist ein Rudeltier. Der Autor auch - ein spezielleres vielleicht, aber eben doch. Und es sind so viele, die angetreten sind. Ich war echt  beeindruckt.

Volkswirtschaftlicher Ansatz:
Bei diesen Zahlen erklärt sich, warum so kurz nach 9 noch so dichter Verkehr auf den Straßen herrscht. Das Verkehrschaos ist all den übernächtigten Autoren zu verdanken, die nicht nur viel zu spät auf dem Weg in die Arbeit sind, sondern eben auch in Gedanken bei ihren Geschichten und nicht vorausschauend bei den Tücken des realen Straßenverkehrs. Wer gerade Schlachten plottet und Kriminalfälle löst, Liebesakte designt oder Romantik zaubert sollte wirklich nicht mit Ampeln und Stoppschildern oder Spurwechseln genervt werden. Doch das kurbelt die Volkswirtschaft an, nicht nur der gegebenenfalls auszubessernden Blechschäden wegen. Auch der durch Laptops im Dauerbetrieb erhöhte Stromverbrauch und der dramatische Anstieg von Kaffee, Milch und Zucker an den internationalen Warenbörsen. Ob das viele Papier für die Konzeptausdrucke positiv zu Buche schlägt oder doch nicht eher unter Öko-Frevel zu verbuchen ist, sei allerdings dahingestellt.

Alles in allem ist der NaNo also so verrückt wie beeindruckend. Doch das beste war der 30. November selbst. Das Ende der Tortur.

Nein, es ist ein wirklich tolles Gefühl, wenn man dann - so wie in meinem Fall am Abend des 30. November den Text in den Word-Counter auf der offiziellen NaNo-Seite eingibt und feststellt, dass man es geschafft hat !
Und in meinem Fall sogar rechtzeitig zum Abendessen!
Ich freu mich schon aufs nächste Jahr. Und bis dahin werde ich auch noch mehr zu meinem NaNo-Vampir-Baby berichten.

Und auch sonst wieder öfter. Danke für die Geduld, ihr Lieben!